|
INFORMATIONEN
Presse, Rundfunk,
Fernsehen
http://www.gdp.de
gdp-pressestelle@gdp-online.de
Gewerkschaft
der Polizei
Bundesvorstand
Video
sicherer Arbeitsplatz
hier klicken (ca. 23 MB groß)
___________________________________________________________________________
Herausgeber :
Gewerkschaft der Polizei, Bundesvorstand,
Pressestelle, Stromstraße 4, 10555 Berlin
Telefon: (030) 39 99 21 - 117 - Telefax: (030)
39 99 21 - 200
Pressesprecher: Rüdiger Holecek, Funktelefon:
0172/7121599 1 von 5
Pressekonferenz der Gewerkschaft der Polizei am
29. Januar 2003 in Berlin
„Ein sicherer Arbeitsplatz"
Seit Jahren, wie auch jetzt wieder in der
jüngst abgeschlossenen Tarifrunde des öffentlichen
Dienstes, halten die Arbeitgeber den Forderungen
der Beschäftigten der
Polizei das Argument des sicheren Arbeitsplatzes
entgegen.
Ein sicherer Arbeitsplatz hat in unsicheren
wirtschaftlichen Zeiten einen unbestritten
hohen Wert.
Wie sicher ist ein Arbeitsplatz bei der Polizei?
Seit 1945 bis Ende 2002 sind 385 Polizistinnen
und Polizisten durch Rechtsbrecher
getötet worden. Bis Ende 2001 verunglückten
1391 Polizeibeamte in Ausübung des
Dienstes tödlich. Noch liegen die offiziellen
Zahlen des letzten Jahres nicht vor, doch
soweit bekannt, ließen vier Polizistinnen und
Polizisten bei Unfällen in Ausübung des
Dienstes ihr Leben.
Die Polizeiführungsakademie (PFA) in
Münster-Hiltrup ermittelte, dass rund 700 Beamtinnen
und Beamte pro Jahr im Dienst so schwer verletzt
werden, dass sie mehr
als sieben Tage dienstunfähig sind. Dies, so
die PFA, sei „natürlich nur die Spitze
des Eisberges". Die Masse der Fälle bliebe
unerfasst, da meist weniger als sieben
Tage krank geschrieben würde.
In 687 von rund 4.000 Fällen, in denen
Polizistinnen und Polizisten zwischen 1985
und 2000 angegriffen wurden, geschah dies mit
der Absicht, sie zu töten, ermittelte
das Kriminologische Forschungsinstitut
Niedersachsen (KFN) in Hannover in einer
durch die Ständige Konferenz der Innenminister
und -senatoren der Länder (IMK)
und der GdP finanzierten Studie. Dabei ergäben
sich, so das KFN, mehr als 80 Prozent
aller Angriffe auf Polizeibeamtinnen und -beamte
ganz plötzlich aus scheinbar
harmlosen Situationen.
Diese Angriffe geschehen in den meisten Fällen
zur Nachtzeit, auf öffentlichen Plätzen
und in bürgerlichen Wohngebieten. Meistens
waren es Streifenwagenbesatzungen,
die angegriffen wurden – was nur die
langjährige Erfahrung der GdP bestätigt,
dass die Streifentätigkeit die größten
Risiken für den Polizei-Beruf enthält.
Die große Mehrheit der Angriffe mit
Tötungsabsicht und mit ernsthaften Folgen war
das Ergebnis ganz alltäglicher Tätigkeiten wie
das Ansprechen einer Person, Überprüfung
der Identität, Verfolgung von Verdächtigen
oder das Anhalten flüchtender
Personen.
Der Polizeiberuf ist schwerer und gefährlicher
geworden. Weisungen und Handeln
der Polizei werden immer weniger akzeptiert. Die
Zahl der so genannten „Widerstände
gegen die Staatsgewalt", die die
Straftatbestände „öffentliche Aufforderung zu
Straftaten", „Widerstand gegen
Vollstreckungsbeamte", „Gefangenenbefreiung" und
„Gefangenenmeuterei" umfasst, ist um
über 23 v.H. von 17.324 Fällen im Jahr 1995
auf 21.379 Fälle im Jahr 2001 gestiegen. Dabei
wurde in 1.043 Fällen mit der
Schusswaffe gedroht und in 165 Fällen
tatsächlich geschossen.
Belastungen steigen – Personal fehlt
Die Polizei ist heute über neue Aufgaben und
neue Dimensionen bisheriger Aufgaben
weit mehr belastet – der Aufgabenzuwachs
entwickelte sich in den letzten Jahren
rasant:
- Bekämpfung der
Organisierten Kriminalität (allein für 854 OK-Verfahren im
Jahre
2000 waren über 3000 Polizisten gebunden)
- Einrichtung von
Prüfgruppen zur Bekämpfung schwerer Fälle der
Wirtschaftskriminalität
- Neue Formen von
Wirtschafts- und Organisierter Kriminalität (Geldwäsche,
Anlagebetrug)
- Verstärkte
Bekämpfung des Menschenhandels und der illegalen Einwanderung
- Einrichtung der
Gen-Datei
- Computer-Kriminalität
- Internet-Kriminalität
- Bekämpfung des
Rechtsextremismus / erhebliche Zunahme von „Demos von
Rechts"
- Zunahme von
Objektschutzmaßnahmen / Schutz von Demonstrationen
- Beispiel Berlin: Als
Auswirkung des Nahostkonflikts erhöhte sich die Zahl der zu
schützenden Objekte von 45 auf 100. Die Zahl
der Staatsbesuche stieg von 135
im Jahre 1988 auf 501 im Jahre 2000 – eine
Steigerung von 370 %. In den Jahren
1997 bis 2000 fanden durchschnittlich 2.150
Veranstaltungen pro Jahr statt,
das sind knapp 6 Versammlungen pro Tag.
- Bekämpfung von
Graffiti-Schmierereien
- Maßnahmen im
Zusammenhang mit Lebensmittelskandalen (BSE).
- Ausbau der
internationalen Zusammenarbeit (EUROPOL, Schengener
Informationssystem)
- Einsatz von
Polizeikräften in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo
- Mehraufgaben durch
neue Gesetze wie z. B. Handy-Verbot beim Autofahren oder
Senkung der Promillegrenze auf 0,5 Promille
- Neue Dimensionen des
Terrorismus
- Fußballweltmeisterschaft
2006
Diesem erheblichen Aufgabenzuwachs steht ein
seit Jahren andauernder Personalabbau
bei der Polizei gegenüber. Seit 1997 ist die
Zahl der Planstellen bei der Polizei
von Bund und Ländern um ca. 3.000 zurück
gegangen.
Seit 1997 verringerte sich die Gesamtzahl der
Plan- und Ausbildungsstellen um rund
ein Prozent. Die Länder verloren rund 1,15
Prozent.
Kriminalitätsentwicklung
Die der GdP bisher vorliegenden Erkenntnisse aus
den Ländern lassen den Schluss
zu, dass kein Rückgang der Kriminalität von
dem bisher hohen Niveau zu erwarten
ist. So haben sich z.B. die erfassten Delikte in
Nordrhein-Westfalen um 5,3 Prozent,
in Niedersachsen um 11,5 Prozent und
Baden-Württemberg um ca. 6 Prozent erhöht.
Lediglich Bayern wies in der Halbjahresstatistik
einen Rückgang um 4,2 Prozent aus.
Natürlich lassen sich aus diesen Zahlen nur
Trends erkennen. Weder die ganzjährige
Entwicklung noch detaillierte Aussagen sind
daraus abzuleiten. Die vorgelegten
Zahlen lassen aber für das Jahr 2002
prognostizieren, dass die Gewaltdelikte auf
dem gleich hohen Niveau wie im Vorjahr
verbleiben werden. Insbesondere bei den
Körperverletzungen sind teilweise erhebliche
Anstiege zu erwarten, da bereits die
Halbjahresergebnisse starke Anstiege auswiesen
(Nordrhein-Westfalen + 6,8 Prozent;
Niedersachsen + 9,31 Prozent).
Dieser Trend lässt auf eine steigende
Gewaltbereitschaft schließen. Auch die Polizei
bleibt von dieser Tendenz nicht verschont, wie
die gewalttätigen Übergriffe bei den
Mai-Krawallen oder anlässlich des
Castor-Transportes besonders anschaulich verdeutlichten.
Das Jahr 2002 hat gezeigt, dass der Polizeiberuf
nichts von seiner Gefährlichkeit
eingebüßt hat.
Sicherheitslage
Die Sicherheitslage ist angespannt.
Die terroristische Bedrohung ist keine schnell
vorübergehende Zeiterscheinung. Sie
ist weltumspannend und gefährdet die innere
Sicherheit in Deutschland zunehmend.
Daher müssen die Polizeien der Länder und des
Bundes personell, materiell und organisatorisch
auf eine erhebliche Mehrbelastung eingestellt
sein.
Die derzeitige provisorische Lösung, den
sprunghaft gestiegenen Personalbedarf für
Objekt- und Personenschutz, Ermittlungen und
Fahndungen durch Schwächungen
mit Sicherheitsverlusten an anderer Stelle zu
decken, muss möglichst schnell beendet
werden.
Politiker weisen immer wieder darauf hin, dass
die demografische Entwicklung aufgrund
der immer älter werdenden deutschen
Wohnbevölkerung und der gleichbleibend
niedrigen Geburtenrate erwarten lässt, dass es
in zehn Jahren weniger Menschen
im so genannten kriminalitätsaktiven Alter
geben wird. Die Zahl der registrierten
Gesamtkriminalität werde daher auf dem
derzeitigen hohen Niveau stagnieren
bzw. leicht zurückgehen.
Übersehen wird dabei, dass die
Migrationsbewegung und die Osterweiterung der EU
mit ihrer Freizügigkeit und der freien Wahl des
Arbeitsplatzes besonders junge aktive
Menschen anlocken wird, die die vergleichsweise
deutlich besseren wirtschaftlichen
Bedingungen für sich zu nutzen versuchen
werden. Der Schutz der EUAußengrenzen
wird aufgrund völlig anderer geografischer
Bedingungen nicht in dem
Maße zu garantieren sein, wie es bisher
Standard ist. Dies heißt, dass es ein größeres
Ausmaß an illegalen Personen- und
Warentransporten geben wird. Der Schmuggel
wird blühen.
Illegale Zuwanderung bedeutet zugleich, dass der
Lebensunterhalt kaum anders als
ebenfalls illegal zu bestreiten sein wird –
und dies angesichts einer Altersgruppe, die
vor allem dem kriminalitätsaktiven Bereich
angehört.
Auch der europäische Integrationsprozess hat
Einfluss auf die künftige Entwicklung
der Sicherheitslage. Es genügt nicht, nur im
Kontext eines Bundeslandes oder der
Bundesrepublik Deutschland polizeilich zu
denken. Die Europäische Union muss
nicht nur als gemeinsamer politischer,
wirtschaftlicher und sozialer Raum gesehen
werden, sondern auch als gemeinsamer
kriminalgeografischer und verkehrsgeografischer
Raum.
Schon aufgrund unterschiedlicher
Rechtsgrundlagen sind die Grenzen zwischen legaler
und illegaler wirtschaftlicher Tätigkeit
unscharf, weil nationales Recht mit Leichtigkeit
unterlaufen werden kann. Die Entwicklung der
Informations- und Kommunikationstechnologie
tut ein übriges, um das Entstehen und
Unterhalten ganzer krimineller
Netzwerke zu begünstigen. Hinzu treten völlig
neue Kriminalitätsformen wie z.B.
die Nutzung des Internet zur Verbreitung
strafbarer Inhalte.
Polizeieinsätze werden immer gigantischere
Ausmaße annehmen. Daran ist die nationale
Politik, aber auch die EU sowie die
internationale Politik einschließlich der Globalisierung
Schuld.
Der Einsatz von 30.000 Polizistinnen und
Polizisten bei Castor-Transporten ist nicht
ungewöhnlich – andere Großereignisse
erforderten in der Vergangenheit ähnlich hohe
Einsatzstärken.
30.000 – das ist mehr als das Dreifache, was
Dänemark überhaupt an Polizistinnen
und Polizisten aufzubieten hat.
Zehntausende Polizistinnen und Polizisten, die
fast jedes Wochenende bundesweit
zu den verschiedensten Anlässen zusammengesucht
werden, sind von ihren üblichen
Aufgaben abgezogen. Diejenigen, die zurück
bleiben, machen dafür 12-
Stunden-Dienste, damit wenigstens noch ein Rest
an Polizeipräsenz übrig bleibt.
Am Ende stehen Berge von Millionen von
Überstunden, was wiederum von der täglichen
Präsenz auf der Straße abgeht.
Damit nicht genug:
• Auf EU-Ebene soll
künftig eine 5.000 Mann starke Polizei-Einheit für
internationale
Kriseneinsätze aufgebaut werden.
• Im Sommer 2002
fasste der Europäische Rat den Beschluss für eine
EUGrenzpolizei.
Die außenpolitische Rolle Deutschlands verlangt
zunehmend auch die aktive Mitwirkung
bei Friedensmissionen oder die Vermittlung bei
Konflikten. Politische Treffen oder
Besuche ausländischer Staatsgäste in
Deutschland nehmen zu und erfordern einen
hohen Sicherheitsstandard, der wiederum eine
starke Polizeipräsenz voraussetzt.
Das führt ganz konkret dazu, dass der Bürger
Sicherheitseinbußen zugunsten solcher
politischer Ereignisse hinnehmen muss.
Anlässlich des Staatsbesuchs von
Russlands Präsident Putin Ende September 2001
in Düsseldorf mussten Polizeiwachen
geschlossen werden, um genügend Kräfte für
die Gewährleistung der Sicherheitsstufe
I zur Verfügung zu haben.
Ein heikles gesellschaftliches Phänomen
entwickelt sich zu einem Sicherheitsproblem:
die zunehmende Anonymisierung der Gesellschaft,
zu der parallel die traditionellen
Formen der informellen sozialen Kontrolle
abnehmen, wie sie etwa Familie
oder Nachbarschaft leisten. Damit wächst die
Neigung und die Unfähigkeit der Bürger,
Konflikte untereinander zu regeln. Die Folge
ist, dass die Polizei immer mehr
gefragt ist, und zwar als Moderator, als
Streitschlichter.
Wir brauchen in Zukunft mehr Personal bei der
Polizei.
Im Sicherheitsprogramm der
Innenministerkonferenz von 1972 wurde erstmals ein
Schlüssel festgelegt, nach dem der Bedarf an
Polizeikräften errechnet wurde. Das
war die so genannte Polizeidichte (1 Polizist zu
400 Bürgern). Im Grunde war diese
Verhältniszahl schon damals eine willkürliche
Festlegung. Heute, nach fast 30 Jahren,
ist sie von den Realitäten der inneren
Sicherheit weiter entfernt denn je.
Die Polizei braucht in Zukunft mehr denn je
fachlich hochqualifizierte Polizistinnen
und Polizisten in ausreichender Zahl, um die
Anforderungen der veränderten Sicherheitslage
bewältigen zu können. Nur die Tatsache der
Anstellung auf Lebenszeit, der
„sichere Arbeitsplatz", wird für den
Nachwuchs, den die Polizei dringend braucht,
kein hinreichendes Lockmittel sein, einen derart
gefährlichen und aufreibenden Beruf
zu ergreifen. Polizistinnen und Polizisten
müssen sozial abgesichert sein und an den
Einkommensentwicklungen in anderen Berufen
teilnehmen.
|